Fernunterricht
scheint auf den ersten Blick nur von großen Einrichtungen machbar zu sein,
sowohl was die Entwicklung als auch den Betrieb betrifft. Die aufwendige
Erstellung von Materialien ist nur bei großer Stückzahl kostengünstig, für die
Betreuung von Fernlernenden fehlt es an Personal, und zur Einrichtung eines
Telelern-Angebots sind verschiedene Kompetenzen erforderlich, die erst
erarbeitet werden müssen.
Nach Peters:
Korrespondenzkurse von Fernlehrinstituten
Industrialisiertes Lehren durch große Fernuniversiäten
Digitale Fernlernsysteme
Nach Garrison:
Traditionelle Form des Fernunterrichts
Übergang zu Telekonferenzen
Computerbasiertes digitales Fernlernen
Erwachsenenbildung / Lebenslanges Lernen
Selbstlernen
Lerntechnologie & Instruktionsdesign
Unterrichtsdidaktik
1 Die Trennung von Lehrenden und Lernenden
2 Eine spezifische Organisation des Lernens
3 Die Verwendung technischer Medien zur Überbrückung der Distanz
4 Eine Zweiweg-Kommunikation
5 Die Möglichkeit von gelegentlichen Treffen
6 Die Teilnahme an einer ‚industrialisierten’ Form des Lernens
Es gibt keine einheitliche Theorie des Fernlernens. Die
Praxis des Fernunterrichts zeigt eine Reihe unterschiedlicher Einflüsse, von
der Hochschuldidaktik bis zur Lerntechnologie. In der traditionellen Form
werden im Fernunterricht die gleichen Mittel und Methoden wie im Präsenzstudium
verwendet (Peters):
· Lernen durch Lesen von Texten
· Lernen unter Anleitung und Beratung (Eingangsberatung, tutorielle Beratung)
· Selbständiges wissenschaftliches Lernen (an den Universitäten)
· Lernen durch Kommunikation (mit Lehrenden und anderen Lernenden)
· Lernen mit Hilfe auditiver und audiovisueller Medien
· Lernen durch Teilnahme an fallweisen Präsenz-Lehrveranstaltungen
Das Besondere des Fernstudiums ist jedoch eine Verschiebung der Schwerpunkte:
· Hauptsächlich wird gelernt, indem Texte gelesen werden.
· Fernuniversitäten und -institute sind für einen wesentlich weiteren Personenkreis zugänglich.
·
Fernuniversitäten gibt es in drei Ausführungen (Peters):
--- single mode: ausschließliche Fernuniversität
--- dual mode: traditionelle Präsenzuniversität + zusätzliches Fernstudien-Angebot
--- mixed mode: gleiche Inhalte in Präsenz- und Fernstudienform
· Die Studierenden sind soziografisch anders verteilt.
· Fernlern-Einrichtungen weisen besondere institutionelle und organisatorische
Bedingungen zur Entwicklung, Gestaltung und Evaluation auf.
Peters unterscheidet 5 Modelle, wie Fernuniversitäten mit dem Problem von Distanz und Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden umgehen:
1. Das Korrespondenzmodell
Im 19. Jh. handschriftlicher Briefwechsel, der in den Austausch von Lehrbriefen und Antworten überging („Briefschule“). Dadurch entstand ein persönlicher Dialog. Auch heute gibt es noch manchmal „Studienbriefe“.
+ Gefühl der Isolierung wird vermindert
- Nähe ist vorgetäuscht; schematische Phrasen
2. Das Gesprächsmodell
Simulation eines (schriftlichen) Gesprächs zwischen Lehrenden und Lernenden. Der Lehrtext vermittelt kein systematisches Wissen, sondern ist in Form eines belehrenden Gesprächs gehalten („guided didactic conversation“, Vertreter z.B. Holmberg).
+ besser als übliche Präsenzunterlagen
- Schwierigkeit bei der Darstellung systematischer wissenschaftlicher Inhalte
3. Das Lehrermodell
... versucht, die didaktischen Lehrfunktionen in den Text zu übertragen (z.B.: Interesse wecken; Lernziele beschreiben; Selbstkontrollfragen einbauen; Lernhinweise geben)
+ Fortschritt gegenüber den beiden ersten Modellen durch die umfassende Didaktisierung des Inhalts; selbstinstruierendes Material
- u. U. Überdidaktisierung (Lehrziele sind nicht Lernziele; simplifizierte Inhalte)
4. Das Tutorenmodell
Der Lehrtext simuliert ein Beratungsgespräch (Rowntree: „tutorial-in-print“). Dadurch werden Lernende unterstützt, aber nicht belehrt.
+ Hilfsbereitschaft bei taktvoller Zurückhaltung, wie es Erwachsenen angemessen ist
5. Das technologische Erweiterungsmodell
... lässt die Fernstudierenden mit Hilfe technischer Mittel (neben Printmedien vor allem Ton und Videokassetten) am Unterricht teilnehmen (z.B. die Waterloo University in Ontario). Eine Weiterentwicklung ist heute die Telekonferenz.
+ Die Distanz zu den Lehrenden wird deutlich verringert
- „Schlüsselloch-Perspektive“ auf den Präsenzunterricht
Dieses theoretische Gerüst von Moore unterscheidet zwischen der räumlichen und der kommunikativen bzw. psychischen Distanz, wobei Moore die letztere „transaktionale Distanz“ nennt. Diese kann positiv oder negativ sein, abhängig von den Lernverhältnissen und Personen.
Die transaktionale Distanz wird von drei Dingen beeinflusst:
· vom Ausmaß des Kontakts zwischen Lehrenden und Lernenden („Dialog“);
· vom Ausmaß, in dem der Lernweg durch vorgefertigte Programme festgelegt ist („Struktur“);
· vom Ausmaß, in dem die Studierenden ihr Lernen selbst bestimmen können („Autonomie“).
a. Dialog
Der (mündliche) Dialog ist der humanistischen Pädagogik verpflichtet und setzt Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und Aufrichtigkeit voraus. Ein Dialog ist kein belehrendes Gespräch, sondern dient der Erörterung von Inhalten und Problemstellungen, um das Verständnis der Lernenden (und Lehrenden) zu vertiefen.
An Fernuniversitäten wird der Dialog weitgehend vernachlässigt und als zweitrangig gegenüber dem „wissenschaftlichen“ Diskurs angesehen. Dialoge sind personalintensiv, weshalb es auch zu wenig Zeiten und Kontaktmöglichkeiten gibt. Technische Zwischenmedien behindern den Dialog, was sich jedoch durch Audio- und Videokonferenzen verbessern wird (Peters).
b. Struktur
Dialog und Struktur sind zwei gegenläufige Konzepte: Der Dialog ist offen für spontane Entwicklungen, die Struktur besteht in kleinschrittiger Planung und Festlegung des Lernwegs. Die Struktur ist geschlossen, zeitlich geregelt, einheitlich kontrolliert und bewertet. Ihr Ausdruck sind gedruckte Kurse und multimediale Lernpakete, die durchgehend didaktisch gestaltet („choreographiert“) sind.
Ein rigider Strukturansatz zeigt sich auch im programmierten Lernen und in vielen CBT’s.
Während es die didaktische Planung natürlich auch im Präsenzunterricht gibt, ist sie im Fernlernen perfektioniert worden, da die Lernenden weitgehend auf sich allein gestellt sind. Ein Vorteil „geschlossener“ Ansätze besteht darin, dass sie – von den Lernzielen bis zu den Methoden und Strategien – vorher durchgehend geplant und abschließend auf „Erfolg“ hin kontrolliert werden können. Sie können auch auf der Basis von „objektiven“ Kriterien qualitativ verbessert werden. Auch können sie in beliebiger Menge produziert werden, womit die Hoffnung verbunden ist, auch Menschen mit geringeren Bildungschancen (Ort, Finanzen) zu erreichen.
Vorbehalte (Peters):
· Strukturdefinierte Ansätze „verschulen“ das Lernen und vernachlässigen die Lernerbeteiligung;
· Sie sind lehrzentriert;
· durch die Ausrichtung auf die Lernziele und die Messung der Lernergebnisse bleiben Inhalte ausgeblendet, die sich standardisierten Tests entziehen;
· Umwege auf dem Lernweg, Experimente und Abweichungen, wie sie beispielsweise ein wissenschaftliches Studium enthält, sind nicht vorgesehen;
· historische, soziale und politische Aspekte werden kaum thematisiert;
· Reflexion und Metakommunikation spielen eine vernachlässigbare Rolle.
c. Autonomie
... ist ein wichtiger Begriff in der emanzipatorischen Pädagogik, wird aber im Fernunterricht i.a. auf die Selbstbestimmung der Lernenden eingeschränkt.
Autonomie hat eine Tradition in den USA (Individualismus; „self-made man“), während es den Begriff des autonomen Lernens in der BRD erst seit etwa dreissig Jahren verwendet wird, aber nie heimisch wurde.
Für Philosophen wie Aristoteles war die Autonomie ein Thema (May), auch für Kant, der den Menschen dazu ermächtigen wollte, „sich seines Verstandes ohne fremde Hilfe zu bedienen.“
Die Pädagogik wiederum versucht, die Menschen von Objekten der Erziehung zu Subjekten ihrer eigenen Erziehung zu bringen.
Lernende sind dann autonom, wenn sie die Funktionen der Lehrenden selbst ausüben (oder zumindest ausüben könnten, wenn sie wollten).
Das bedeutet: die eigenen Lernbedürfnisse erkennen, Lernziele formulieren, Inhalte auswählen, Lernstrategien entwerfen, Materialien und Medien beschaffen, Lernpartner und Unterstützung organisieren, das Lernen selbst steuern und auswerten. Dazu ist Metakommunikation bzw. die Reflexion des eigenen Lernprozesses notwendig.
Lernweise
Fernlernende sind weit mehr gefordert als Lernende in Präsenzkursen, aktive Lernende zu sein. Sie müssen die Lernziele zu ihren eigenen machen. Die geistige Anstrengung, die Lernende zur Lösung von Aufgaben verwenden, hängt ab von
· der Relevanz des Mediums und der Botschaft (des Inhalts),
· der Fähigkeit, dem Inhalt Bedeutung beizumessen.
Lernstile
Damit die Lernenden möglichst effektiv lernen können, muss
die Gestaltung der Kurse bzw. der Inhalte auf ihre Lernweise zugeschnitten
sein, d. h., die KursdesignerInnen müssen das Lernverhalten der Lernenden
kennen. Ebenso müssen die TutorInnen das unterschiedliche Lernverhalten
berücksichtigen: Welche Lernenden werden für ein Projekt in einer Gruppe
zusammengefasst? Welche eignen sich für besondere Aufgaben? usw. (Sherry)
Das heißt: Es gibt keinen Kurs, kein Lernprogramm, das von vornherein für alle optimal geeignet ist. Es muss in jedem Einzelfall an die jeweiligen Lernenden und Umstände angepasst werden.
Unterstützung der Lernenden
· Lehrende besuchen lokale Einrichtungen und treffen Lernende
· Studierende besuchen ein Selbstlernzentrum
· Regelmäßige Telefonate werden vereinbart
· Telekonferenzen (Audio, Video) werden im Internet abgehalten
· Kommunikative Technologien (chatrooms ...) werden eingerichtet
· Online-Diskussionen werden als Teil des Lernprozesses eingeführt
· Die Materialien sind dialogisch, klar und mit diversen Hilfsverweisen gestaltet
Kompetenzen der Lehrenden
· Verständnis der Natur und Philosophie des Fernlernens
· Identifizierung der Charakteristika der entfernten Lernenden
· Entwicklung und Gestaltung interaktiver Kurse
· Adaptierung der Lehrstrategien in Hinblick auf Distanz
· Organisierung von Lernressourcen in Formaten, die für Selbstlernen geeignet sind
· Training und Praxis im Umgang mit Telekommunikationssystemen
· Engagement in der Organisation, kooperativen Planung und Entscheidung
· Evaluation der Lernfortschritte, Einstellungen und Wahrnehmungen aus der Ferne
· Umgang mit Copyrights
Offene Fragen
· Universitäten und Fernlehrinstitute bieten an fachlichen Inhalten orientierte Standardprogramme an. Erwachsene benötigen jedoch ein auf ihre Berufs- und Lebenserfahrung zugeschnittenes Lernprogramm.
· Sollen die Lernverhältnisse im Fernlernen so gestaltet werden, dass sie (durch Videos von Vorträgen oder Videokonferenzen) möglichst dem Präsenzunterricht gleichen? Oder sollen Bedingungen hergestellt werden, damit Lernende an ihrem jeweiligen Ort (zu Hause oder am Arbeitsplatz) möglichst sinnvoll und wirksam lernen können?
· „Struktur“ bedeutet üblicherweise, die Inhalte lerntechnologisch möglichst überlegt und bis ins kleinste Detail in Hinblick auf die Lehr- und Lernziele zu planen und zu gestalten. Aber Strukturen müssen nicht geschlossen sein! Wie sehen die Lernverhältnisse in einer offenen Struktur aus? Wie sieht eine offene Materialiengestaltung aus?
Garrison, G.
R.:
Three
generations of technological innovation in distance education; Distance
education 6 (1985) 235-241
Keegan,
Desmond (ed.):
Theoretical
principles of distance education; Routledge,
May, Thomas:
The
Concept of Autonomy; American Philosophical Quarterly 31, 2 (April 1994)
133-144
Moore,
Michael:
Theory
of transactional distance (S. 22-38); in: D. Keegan (ed.): Theoretical
principles of distance education; Routledge,
Peters, Otto:
Didaktik des Fernstudiums; Luchterhand, Neuwied 1997
Rowntree,
Derek:
Teaching
Through Self-Instruction. How to Develop Open Learning Materials; Kogan Page,
Issues
in Distance Learning; International Journal of Educational Telecommunication 1,
4 (1996) 337-365