Historisch-politische Aspekte des informellen Lernens

 

Begriffsgeschichte

 

Der deutsche Begriff Bildung entstand im Mittelalter. Er stammt wahrscheinlich von Meister Eckhart, der ihn in seiner Imago-Dei-Lehre entwickelte (Wikipedia). Eine weitere Differenzierung fand im 18. Jahrhundert statt:

 

„Die bekannte Unterscheidung zwischen ‚materieller’ und ‚formaler’ Bildung geht auf das 18. Jahrhundert zurück und hatte mit der Legitimation des altsprachlichen Unterrichts zu tun. Der Ausdruck ‚formale Bildung’ bedeutet dem Wortsinn nach eine auf die Form zielende Bildung, also eine ‚bildende Bildung’, und ist somit eigentlich ein leerer Pleonasmus.“ (Neumann, S. 683)

 

Den Begriff der informellen Bildung wurde von John Dewey geprägt. In seinen 1899 veröffentlichen Vorlesungen Lectures in the Philosophy of Education, dem Vorläuferwerk zu Demokratie und Erziehung, differenziert Dewey zwischen formal and informal education. (Gonon)

Ebenso führte Dewey den Begriff der inzidentellen (zufälligen) Erziehung ein, um jene Lernerfahrungen zu bezeichnen, die sich – ohne Lernabsicht – aus dem Zusammenleben mit anderen ergeben. Dieses inzidentelle Lernen wird meist als Teil des informellen Lernens gesehen (Overwien 2004, S. 53).

 

Der Begriff non-formal education wurde wahrscheinlich erstmals in einem UNESCO-Report im Jahre 1947 über das Bildungswesen in Entwicklungsländern verwendet (Colley et al. 2003, S. 10). Die Konzeption der nichtformalen Bildung stammt also nicht von PädagogInnen, sondern von internationalen EntwicklungsarbeiterInnen. Den Hintergrund bildeten die wirtschaftliche Modernisierung und sozialistische Reformbestrebungen, wobei angenommen wurde, dass nichtformales Lernen relevanter, flexibler und billiger ist.

 

Der Terminus Informelles Lernen schließlich wurde 1950 von Malcolm Knowles in seinem Werk Informal Adult Education in die Debatte eingeführt (Cofer, S. 1).

 

 

Politische Geschichte

 

Bis ins späte 18. Jahrhundert eignete man sich die für den Broterwerb erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nichtformal in der Familie, in einer Gemeinschaft, in Handwerkgilden oder – etwas formalisierter – im Lehrlingssystem an. Nicht für die Arbeit erforderliches Wissen wurde entweder autodidaktisch erworben, indem sowohl Arme als auch Reiche und Gelehrte ihren persönlichen Interessen nachgingen; oder – und in steigendem Ausmaß – in politischen und religiösen Gruppen, die sich in der Absicht trafen, Zustände zu verändern. Für den Großteil der Bevölkerung in den westlichen Ländern war in der vorindustriellen Zeit nur die nichtformale Bildung möglich. Dies änderte sich erst mit der Institutionalisierung des Wissens und der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Aber selbst danach spielte sich bis zum Zweiten Weltkrieg der Großteil der intentionalen Weiterbildung in einem nichtformalen Umfeld ab.

 

Nach dem Krieg rückte die nichtformale Bildung in den Blickpunkt der politischen Theorie und Praxis. Colley et al. (2003, S. 9-14) unterscheiden fünf Momente:

 

Im Zuge der antikolonialistischen Tendenzen in Afrika und Asien verstärkten sich die Bemühungen der internationalen EntwicklungsarbeiterInnen, die sich in diesen Ländern vom Norden unterscheidenden Modelle der nichtformalen Bildung im Kontext der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu verstehen. Dahinter stand die emanzipatorische Intention, die Menschen für das Leben in einer modernisierten Welt zu befähigen. Vom nichtformalen Lernen erwartete man sich im Vergleich zum formalisierten Bildungssystem eine höhere Relevanz und Flexibilität, auch war es mit wesentlich geringeren Ressourcen durchführbar. Nach einem Jahrzehnt zeigte sich, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eher zu- als abnahm, weshalb nun wieder zunehmend auf die Erweiterung des formalen Schulsystems gesetzt wurde.

 

In den 1970er Jahren kam die Dependenztheorie (Fanon, Freire) zur Beschreibung der (inter-)nationalen Entwicklung in Mode. Sie war antikolonialistisch, setzte auf lokaler Ebene auf Emanzipation und auf nationaler Ebene auf Revolution. Alphabetisierung und Bewusstseinsbildung sollten weitgehend nichtformal durchgeführt werden. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Gegenreaktion nationaler Eliten bzw. der Länder des Nordens führten jedoch dazu, dass diese Aktionen vorwiegend nur lokal wirksam wurden. Aber sie führten auch dazu, dass, basierend auf intensivierter Erforschung des Lernzugangs, der Begriff des nichtformalen Lernens in Abgrenzung zur nichtformalen Bildung an Bedeutung gewann. Während also bis in die 1960er Jahre das Lernen noch als universale Kategorie angesehen wurde, die jedem Menschen unabhängig von örtlichen und sozialen Bedingungen Gleichheit und Aufstieg ermöglichen sollte, war es in den 1970er Jahren nur mehr das nichtformale/informelle Lernen, von dem man sich eine selbst bestimmbare Entwicklung erwartete.

Weiters zeigte sich, dass sich in verschiedenen sozialen Einheiten manche komplexe Lernprozesse auch ohne formales Lernen abspielten und dass diese Lernprozesse zum Teil wesentlich effektiver waren. Es wurde nachgewiesen, dass formales Lernen keineswegs kontextfrei ist und dass formal erworbenes Wissen häufig nur schwer auf andere Kontexte übertragen werden kann. Die Art der Lernumgebung schien sich mindestens so stark auf Lernprozesse auszuwirken wie der Lerninhalt und die Didaktik.

 

Als drittes Moment kann die in den 80er Jahren begonnene Formalisierung der nichtformalen Bildung gesehen werden. Neoliberale Theorien und der ‚freie Markt’ übernahmen das Ruder. Der Bildungssektor wurde zum Teil privatisiert (und kostenpflichtig), die Rhetorik des neutralen Lernbegriffs wieder aus dem Keller geholt. Bildungsinhalte wurden auf wirtschaftsrelevante Qualifikationen reduziert, Initiativen des Empowerments wurde die finanzielle Basis entzogen. Das Assessment von Kompetenzen wurde eingeführt, in dem ehemals nichtformal erworbene Fähigkeiten keine nennenswerte Rolle mehr spielten. Gleichzeitig wurde für marginalisierte Gruppen in den Ländern des Nordens nach neuen Zugängen zu formaler Bildung gesucht und emanzipatorische Inhalte wie Gender Studies in den Bildungskanon aufgenommen.

 

In den 1990ern wurden als postmodernes Zwischenspiel alternative Ansätze, basierend auf nichtformalem Lernen, „authentischen Erfahrungen“ und einer ökologischen Lerntheorie, insbesondere von außerparlamentarischen Organisationen verstärkt. Die – ähnlich wie im zweiten Moment in den 1970ern auftretenden – inneren Widersprüche sowie die ökonomische Anfälligkeit der NGO’s führten jedoch bald wieder zur Abschwächung dieser Initiativen, wobei einige davon (Aborigines, Maori, …) in dieser Zeit doch einen festeren Boden gewinnen konnten.

 

Als fünftes Moment sind in den letzten Jahren verschiedene Entwicklungen zu beobachten, die mit dem gegenwärtigen Interesse an nichtformalem Lernen zu tun haben. Diese Lernform ist heute ein zentrales Thema des Konzepts des lebenslangen Lernens geworden. Damit geriet nichtformales Lernen in den quantifizierenden Zugriff der audit society (Power). Mit dieser wird eine Kultur umschrieben, die auf die Beschreibung der Ziele, das Monitoring der Abläufe und die Messung der Outcomes fixiert ist, an welche die Verteilung finanzieller Mittel geknüpft wird.

 

Diese Art der Qualitätssicherung zeichnet sich dadurch aus, dass Aktivitäten dekontextualisiert werden und die Form der Ergebnisse bereits im Vorhinein festgelegt ist (Strathern). Was nicht in die evaluativen Schemata passt, bleibt im Dunkeln. Dabei ist es das Ziel der Audit-Kultur, nicht Sichtbares, wie es die informell erworbenen Kompetenzen sind, sichtbar zu machen. Dies setzt jedoch ein gewisses Maß an Vertrauen voraus, das zwischen den Beteiligten nicht von Vornherein vorausgesetzt werden kann.

 

Von den oben angeführten fünf Momenten propagieren nur das zweite und das vierte die Selbstbestimmung über das eigene Lernen und Lernorte außerhalb formaler Bildungsinstitutionen. Dass diese zwei Momente weitgehend utopisch geblieben sind, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass an den außerinstitutionellen Lernorten wie beispielsweise in der eigenen Wohnung bzw. Familie oft ebenfalls keine herrschaftsfreien (Lern-)Verhältnisse oder auch nur ausreichende Lernzeiten existieren. Von dieser Seite her ist somit auch keine Überlegenheit des nichtformalen/informellen Lernens über das formale argumentierbar. Im Grunde muss jede Lernsituation individuell betrachtet und beurteilt werden.

 

Informelles Lernen ist nie neutral, es kann die sozialen Verhältnisse einer Person nicht ausblenden (Overwien 2001, S. 370). Dies betrifft beispielsweise den Zugang zu informellen Lernmöglichkeiten. Informelle Zirkel gibt es in allen sozialen Milieus, aber das, was in einem exklusiven Club hinter verschlossenen Mauern zu erfahren ist, wird man in einer Gasthausrunde wohl nicht zu hören kommen. Damit hängt auch das informelle Lernen von zwei Dingen ab: vom Ausmaß der Wahlmöglichkeiten und vom Grad der Kontrolle über den Lernprozess.

 

 

Literatur

 

Cofer, David A.:

Informal Workplace Learning; 2000 (2 S)

http://www.cete.org/acve/docs/pab00019.pdf

 

Colley, Helen / Hodkinson, Phil / Malcolm, Janice:

Informality and formality in learning: a report for the Learning and Skills Research Centre; 2003 (93 S)

http://www.hrm.strath.ac.uk/teaching/postgrad/classes/full-time-41939/documents/formalandinformallearning.pdf

 

Gonon, Philipp:

Ein pragmatischer (Rück-)Blick auf Schule und Arbeitswelt; Panorama 3/2005, S. 4-5

http://www.infopartner.ch/periodika/2005/Panorama/Heft_3_2005/pan053d04.pdf

 

Neumann, Dieter:

Schlüsselqualifikationen. Zur Statik und Flexibilität von Persönlichkeitsmerkmalen; Pädagogische Rundschau 59 (2005) 683-698

 

Overwien, Bernd:

Debatten, Begriffsbestimmungen und Forschungsansätze zum informellen Lernen und zum Erfahrungslernen (S. 359-376); 2001

http://www.tu-berlin.de/fak1/gsw/fadida_sozk/fadida_sozk_downloads/bbj.pdf

 

Internationale Sichtweisen auf „informelles Lernen“ am Übergang zum 21. Jahrhundert; in: Otto, Hansuwe / Coelen, Thomas (Hg.) Grundbegriffe der Ganztagsbildung. Zur Integration von formeller und informeller Bildung. Wiesbaden 2004, S. 51-73

http://www.tu-berlin.de/fak1/gsw/fadida_sozk/fadida_sozk_downloads/bielefeldil.pdf

 

Power, Michael:

From Risk Society to Audit Society; Soziale Systeme 3, 1 (1997) 3-21

http://www.soziale-systeme.ch/leseproben/power.htm

 

Strathern, Marilyn:

Virtual Society? Get Real!; pre-publication draft, 2000 (6 S)

http://virtualsociety.sbs.ox.ac.uk/GRpapers/strathern.htm

 

Wikipedia:

Kompetenz

http://de.wikipedia.org/wiki/Kompetenz