Da informelles Lernen den Großteil des Lernens Erwachsener ausmacht, hängt es eng mit der Entwicklung und dem Erwerb von Kompetenz(en) zusammen. Im Detail geht es darum, welche Indikatoren eine Kompetenz charakterisieren, welche Kompetenzen in welchen Kontexten in welchem Ausmaß erworben werden und wie sie nachgewiesen werden können. Ein strittiger Punkt ist, was der Begriff der Kompetenz beinhaltet und ob er geeignet ist, den mit ihm beschriebenen Zustand bestmöglich zu beschreiben.
In der beruflichen Bildung scheint es damit keine großen Probleme zu geben:
„Das Konzept einer umfassenden beruflichen Handlungskompetenz hat sich in der beruflichen Bildung durchgesetzt, und zwar mit dem häufig postulierten Anspruch, eine über die Qualifizierung hinausgehende Bildungsarbeit zu ermöglichen.“ (Dehnbostel, S. 7)
In der Erwachsenenbildung hingegen wird der Kompetenzbegriff fallweise kritisch gesehen, insbesondere dann, wenn er den Bildungsbegriff ersetzen soll:
„Schon der Qualifikationsbegriff hat nicht gehalten, was er versprach: Nämlich eine gegenüber dem als verschwommen und unklar unterstellten und hochbelasteten Bildungsbegriff gesteigerte theoretische und kategoriale Präzision und empirische Fundierbarkeit. In der „Schlüsselqualifikationsdebatte“ sind alle Messbarkeitsillusionen zerstoben und der Begriff Kompetenz droht ebenfalls zunehmend hohl zu werden. Der in die Bresche springende Begriff Lernen bleibt meist prozessbezogen und formal.“ (Faulstich, S. 15)
Wir haben es hier also mit den sich konkurrierenden und überschneidenden Begriffen Qualifikation – Kompetenz– Bildung zu tun. Will man dieser Auseinandersetzung aus dem Weg gehen, beschränkt man sich auf das neutralere Wort Lernen.
Um zu einer praktikablen Liste von Kompetenzen zu gelangen, könnte man sich einige der existierenden Listen zusammenstellen und daraus jene Kompetenzen auswählen, die man als relevant erachtet. Diese Vorgangsweise ist jedoch nicht unproblematisch:
„Der ‚Kompetenzbegriff’ ist keineswegs ‚vogelfrei’, d. h.
beliebig verfüg- und definierbar, er entstammt vielmehr unterschiedlichsten
Theorietraditionen, die zunächst einmal rekonstruiert und kritisch auf ihre
Kompatibilität mit der aktuellen weiterbildungspolitischen Begriffsverwendung
analysiert werden müssen.“ (Arnold 2002, S. 28)
Verschiedene Disziplinen verwenden häufig die gleichen Begriffe, interpretieren diese aber in unterschiedlicher Weise (Wikipedia; Weinert). 1960 führte Chomsky den Begriff der Kompetenz in die Sprachwissenschaften ein und grenzte ihn von der Performanz ab. Kompetenz bedeutet in diesem Fall das Wissen eines Sprechenden über die verwendete Sprache, Performanz die Sprachverwendung in einer konkreten Situation. In den Sozialwissenschaften sind die beiden Begriffe der kommunikativen Kompetenz und der Interaktionskompetenz von Habermas bekannt geworden (Brödel, S. 41).
In der Pädagogik und Weiterbildung lautet eine der Definitionsvarianten der Kompetenz:
„Kompetenz bezieht sich auf die Fähigkeit, in Situationen unter Berücksichtigung der personalen Handlungsvoraussetzungen und der äußeren Handlungsbedingungen Ziele zu erreichen und Pläne zu realisieren.“ (Hof, S. 85)
In Anlehnung an Erpenbeck u. Mitarb. wird die Kompetenz heute meist als Disposition zur Selbstorganisation gedeutet (Heyse / Erpenbeck / Michel, S. 11):
„Kompetenzen als Selbstorganisationsdispositionen, also als Anlagen, Bereitschaften, Fähigkeiten, selbst organisiert und kreativ zu handeln und mit unscharfen oder fehlenden Zielvorstellungen und Unbestimmtheit umzugehen, existieren auf den Ebenen von Einzelnen, Teams, Unternehmen, Organisationen und Regionen.“
Unter einer Disposition wird die „Gesamtheit der bis zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickelten inneren Voraussetzungen zur psychischen Regulation einer Tätigkeit“ verstanden. Da eine Kompetenz ebenso wie Lernen nicht direkt beobachtbar ist, kann sie einem Aktanten nur von Beobachtern aufgrund eines Urteils zugeschrieben werden. (Schmidt, S. 159-162)
Kompetenzen werden heutzutage von den Qualifikationen abgegrenzt. Die Europäische Kommission definiert den Qualifikationsbegriff eher nüchtern (Europäische Kommission, S. 14):
„Eine Qualifikation ist erreicht, wenn eine zuständige Stelle entscheidet, dass der Lernstand einer Person den im Hinblick auf Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen spezifizierten Anforderungen entspricht. Dass die angestrebten Ergebnisse erreicht wurden, wird durch einen Evaluierungsprozess oder einen erfolgreich abgeschlossenen Bildungsgang bestätigt.“
Einige Abgrenzungen zur Kompetenz:
„Schlüsselqualifikationen beschreiben eher
berufsbezogene und fachübergreifende Fähigkeiten und Fertigkeiten. Kompetenzen
dagegen umfassen Persönlichkeitsmerkmale, die in lebenslangen Lern- und
Entwicklungsprozessen aufgebaut werden.“ (Lindemann
/ Tippelt, S. 3)
(Schlüssel-)Qualifikationen sind also primär arbeitsbezogen, Kompetenzen personenbezogen.
Eine vergleichbare Darstellung stammt von Dehnbostel (S. 7):
„Unter dem allgemeinen Begriff ‚Kompetenz’ sind zunächst Fähigkeiten, Methoden, Wissen, Einstellungen und Werte zu verstehen, deren Erwerb und Verwendung sich auf die gesamte Lebenszeit eines Menschen beziehen. Die Kompetenzentwicklung wird aus der Perspektive des Subjekts, seiner Fähigkeiten und Interessen gesehen und bezieht in seiner Subjektorientierung die Bildungsdimension mit ein.“
„Unter Qualifikation hingegen sind Fertigkeiten, Fähigkeiten und Wissensbestände im Hinblick auf ihre Verwertung zu verstehen, d.h. Qualifikation ist primär aus der Sicht der Nachfrage und nicht des Subjekts bestimmt.“
Kompetenzen sind Eigenschaften von Personen, hängen also vom jeweiligen Subjekt ab. Da die inneren Fähigkeiten einer Person nicht direkt beobachtbar sind, ist zu ihrer Beschreibung ein theoretisches Konstrukt erforderlich. Der Begriff der Kompetenz erhält erst im Rahmen einer derartigen Kompetenztheorie seine Bedeutung. (Erpenbeck / Rosenstiel, S. XI-XII)
In der Berufsbildung hat heute die Kompetenz den Begriff der Bildung weitgehend abgelöst – obwohl sie nach wie vor Berufsbildung heißt. Wie ist das Verhältnis dieser beiden Begriffe zu sehen? Das hängt davon ab, welche Bildungstradition man zu Grunde legt (Arnold 2002; Dohmen 2002). In der Tradition der Aufklärung ist die Mündigkeit, die Selbstbestimmung, ein zentrales Ziel:
„In diesem Zusammenhang ist Bildung individuelle
Voraussetzung von Befreiung und sie zielt gleichzeitig auf die Überwindung der
Verhältnisse, welche die Entfaltung der Menschen verhindern.“ (Arnold 2002, S. 17)
Bildung hat zu tun mit der Entwicklung von Identität, in der Auseinandersetzung mit sich selbst, der Gesellschaft, der Umwelt und Geschichte. Der Bildungsbegriff enthält ein utopisches Element und ist wesentlich kultur- und gesellschaftsbezogen, während die Kompetenz als ein Konzept im Rahmen einer Persönlichkeitstheorie die subjektive Seite betont und auf die Bewältigung der praktischen Seiten des Lebens gerichtet ist.
Arnold, Rolf:
Von der Bildung zur
Kompetenzentwicklung; in: Nuissl, Ekkehard / Schiersmann,
Christiane / Siebert, Horst (Hg.): Kompetenzentwicklung statt Bildungsziele? Report 49/2002 (S. 26-38)
http://www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2002/nuissl02_02.pdf
Relationierungen zur Kompetenzdebatte; in:
Nuissl, Ekkehard / Schiersmann, Christiane / Siebert, Horst (Hg.):
Kompetenzentwicklung statt Bildungsziele? Report Nr. 49, Juni 2002 (S. 39-47)
http://www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2002/nuissl02_02.pdf
Informelles Lernen: Arbeitserfahrungen und Kompetenzerwerb aus berufspädagogischer Sicht; 2003 (14 S)
http://www.swa-programm.de/tagungen/neukirchen/vortrag_dehnbostel.pdf
Lebenslang lernen – und wo bleibt die
„Bildung“? in: Nuissl, Ekkehard / Schiersmann, Christiane / Siebert, Horst
(Hg.): Kompetenzentwicklung statt Bildungsziele? Report Nr. 49, Juni 2002 (S. 8-14)
http://www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2002/nuissl02_02.pdf
Erpenbeck, John / von Rosenstiel, Lutz:
Handbuch Kompetenzmessung; Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2003
Einführung (12 S): http://www.schaeffer-poeschel.de/download/leseproben/3-7910-2106-0.pdf
Auf dem
Weg zu einem europäischen Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen;
Brüssel, 2005 (58 S)
http://eu2006.bmbwk.gv.at/downloads/bildung_eqf.pdf
Faulstich, Peter:
Verteidigung von „Bildung“ gegen die
Gebildeten unter ihren Verächtern; in: Nuissl, Ekkehard / Schiersmann,
Christiane / Siebert, Horst (Hg.): Kompetenzentwicklung statt Bildungsziele? Report Nr. 49, Juni 2002 (151 S)
http://www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2002/nuissl02_02.pdf
Heyse, Volker / Erpenbeck, John / Michel, Lutz:
Lernkulturen der Zukunft. Kompetenzbedarf und Kompetenzentwicklung in Zukunftsbranchen;
QUEM-report, Heft 74; Berlin 2002 (130 S)
http://www.abwf.de/content/main/publik/report/2004/report-74.pdf
Von der Wissensvermittlung zur Kompetenzorientierung
in der Erwachsenenbildung? In: Nuissl, Ekkehard / Schiersmann, Christiane /
Siebert, Horst (Hg.): Kompetenzentwicklung statt Bildungsziele? Report Nr. 49, Juni 2002 (S. 80-89)
http://www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2002/nuissl02_02.pdf
Lindemann, Hans-Jürgen / Tippelt, Rudolf:
„Competencias Claves y Capacidades Profesionales Básicas“. Ausgewählte Aspekte und Grundlagen; 1999 (16 S)
http://www.halinco.de/html/docde/LIND-Tipp-vs-D-0601.pdf
Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Vorschläge zur Bestimmung von vier Unbekannten; Carl-Auer Systeme, Heidelberg 2005 (255 S)
http://www.carl-auer.de/programm.php?isbn=3-89670-496-6
Concept of Competence: A Conceptual Clarification; in:
Rychen, D.S. / Sagalnik, L.H. (Hg.): Defining and Selecting Key Competencies
(S. 45-66); Göttingen 2001
http://www.ews.uni-heidelberg.de/~busse/k-kompetenz-weinert.html
Kompetenz
http://de.wikipedia.org/wiki/Kompetenz