„Informell
gelernt wird zu großen Teilen ungeregelt im täglichen Leben, in den jeweils
bestehenden sozialen, familiären, kommunikativen oder auch in
Arbeitszusammenhängen.“ (Hungerland / Overwien, S. 12)
Es gibt eine Reihe von Ansätzen und Kategorisierungen, um das weite Feld vom formalen über das nichtformale bis zum informellen Lernen konzeptionell in den Griff zu bekommen. Diese Ansätze divergieren beträchtlich, sie lassen in ihrer Summe Assoziationen mit einem ziemlich verworrenen Dickicht aufkommen. Glücklicherweise haben ForscherInnen bereits einige Wege angelegt.
Die Europäische Kommission geht pragmatisch vor. Ihre im November 2001 herausgegebene Formulierung der Begriffe lautet (Overwien 2004, S. 56):
„Formales Lernen: Lernen, das üblicherweise in einer Bildungs- oder Ausbildungseinrichtung stattfindet, (in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oder Lernförderung) strukturiert ist und zur Zertifizierung führt. Formales Lernen ist aus der Sicht des Lernenden Ziel gerichtet.
Nicht formales Lernen: Lernen, das nicht in einer Bildungs- oder Berufsbildungseinrichtung stattfindet und üblicherweise nicht zur Zertifizierung führt. Gleichwohl ist es systematisch (in Bezug auf Lernziele, Lerndauer und Lernmittel). Aus Sicht der Lernenden ist es Ziel gerichtet.
Informelles Lernen: Lernen, das im Alltag, am Arbeitsplatz, im Familienkreis oder in der Freizeit stattfindet. Es ist (in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oder Lernförderung) nicht strukturiert und führt üblicherweise nicht zur Zertifizierung. Informelles Lernen kann Ziel gerichtet sein, ist jedoch in den meisten Fällen nichtintentional (oder inzidentell/beiläufig).“
Diese Definition enthält die Kategorien Ort – Struktur – Intentionalität – Zertifizierung – Facilitator. Der
Hintergrund dieser Definition ist die auf einem Kompromiss der beteiligten
Staaten beruhende Bildungspolitik der EU, mit der Absicht, die Verhältnisse in
der Praxis (insbesondere am Arbeitsplatz) zu regeln.
In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren eine Reihe von ForscherInnen auf konzeptioneller Ebene mit dem informellen Lernen befasst. (In Österreich ist bisher vergleichsweise noch wenig registrierbar.)
Dohmen (2001, S. 18-49) diskutiert eine Reihe unterschiedlicher Ansätze zum informellen bzw. nichtformalen Lernen, wobei er in Anlehnung an Garrick zum Schluss kommt, dass die ganzen Abgrenzungsversuche nach bestimmten Kriterien wie Planung und Intention nicht entscheidend sind. Vielmehr gehe es darum, das bisher kaum erschlossene „natürliche“ Erfahrungslernen der Menschen in ihrer täglichen Umwelt besser zu verstehen und wirksamer zu unterstützen. Dohmen schlägt vor, im deutschsprachigen Raum auf die Abgrenzung zwischen dem informellen und nichtformalen Lernen zu verzichten und nur den gemeinsamen Begriff des informellen Lernens zu verwenden. Dieser Begriff „wird auf alles Selbstlernen bezogen, das sich in unmittelbaren Lebens- und Erfahrungszusammenhängen außerhalb des formalen Bildungswesens entwickelt.“
Dohmen betont,
dass es bei diesem lebensimpliziten Lernen um das Lösen der in der jeweiligen
Situation anstehenden Probleme geht, ohne lange Umwege über Kurse und
Lehrgänge. Damit ist es eine Grundform des lebenslangen Lernens. Sie gilt es zu
ermöglichen, zu erleichtern und bewusst zu machen.
Roellecke weist darauf
hin, dass in Dohmens Darstellung
der Inhalt des Gelernten zu kurz
kommt: Informell lässt sich ebenso Gutes wie Schlechtes lernen.
Reischmann stellt der lebenslangen Bildung eine „Lebensbreite Bildung Erwachsener“ an die Seite, welche die Vielfalt der Lernformen, Lernwege und Lernanlässe abbildet. Er differenziert das Lernen primär danach, ob es bewusst geplant ist oder mehr oder weniger nebenbei, unter Umständen auch unbewusst, in anderen Tätigkeiten mitläuft. Er vermeidet dabei die Begriffe des formalen bzw. informellen Lernens und stellt dem intentionalen Lernen das Lernen en passant gegenüber. Sein Argument besteht darin, dass mit dem „en passant“ die Assoziation der Aktivität und Bewegung verbunden ist, die seiner Ansicht nach die betreffenden Lernweisen treffender charakterisiert als die Abgrenzung durch in- und nicht-. Für die Summe der Lernweisen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens einsetzt, prägt Reischmann den Begriff des Kompositionellen Lernens, in dem alle Lernformen als zusammenhängend gedacht werden.
Kirchhof / Kreimeyer (S 216) interpretieren informelles Lernen in Anlehnung an Straka und über die Erwachsenenbildung hinausgehend: Informelles Lernen liegt dann vor, wenn es nicht nach pädagogischen Zielsetzungen arrangiert ist. Nur formales Lernen findet in pädagogischen Handlungszusammenhängen statt.
Laur-Ernst (S. 50-53) wiederum bringt ein pragmatisches Abgrenzungskriterium zwischen formalem und informellem Lernen auf der Ebene der beruflichen Bildung ins Spiel: Formalisiertes Lernen erfolgt angebotsorientiert, entweder in den anerkannten Institutionen des Berufsbildungssystems oder auf dem freien Bildungsmarkt, dessen Angebote bestimmten Standards unterliegen. Informelles Lernen hingegen basiert auf individueller Nachfrage. Es wird von Einzelpersonen initiiert, entweder mit einem bestimmten Ziel oder beiläufig im Alltag.
Das kanadische Forschungsnetzwerk New Approaches to Lifelong Learning (NALL) führt seit Mitte der 90er Jahre umfangreiche Forschungsarbeiten zum informellen Lernen durch. Der exponierteste Vertreter und Leiter dieser Gruppe ist David W. Livingstone an der Universität Toronto (Livingstone 2001). Er unterscheidet zwischen Bildung/Erziehung (education) und Lernen. Bildung kann als formale, nichtformale und informelle Bildung stattfinden. Bei der formalen Bildung ist eine Lehrperson anwesend, die über die Aneignung neuen Wissens durch Personen nach einem vorgegebenen Curriculum verfügt. Wenn Lernende freiwillig ihr Wissen und ihre Fähigkeiten erweitern wollen, wobei sie eine Lehrperson mit einem Curriculum unterstützt, liegt nichtformale Bildung bzw. Weiterbildung vor. Um informelle Bildung oder informelles Training handelt es sich, wenn Lehrpersonen oder MentorInnen die Verantwortung dafür übernehmen, anderen ohne Bezug zu einem organisierten Curriculum in einer beiläufigen oder spontanen Weise etwas beizubringen.
Alle anderen Formen absichtsvollen oder inzidentellen Lernens, auf die man sich individuell oder kollektiv und ohne Anwesenheit einer Lehrperson einlässt, werden selbstgesteuertes bzw. kollektives informelles Lernen genannt.
Livingstone verwendet also die Begriffe formal – nichtformal – informell in Hinblick darauf, ob
· eine Lehrperson oder ein/e MentorIn anwesend ist;
· das Lernen in oder außerhalb einer Institution stattfindet;
· das Lernen determiniert oder freiwillig ist;
· kanonisiertes/organisiertes Wissen vorliegt.
“Where use is made of the terms ‘formal’, ‘non-formal’ or ‘informal’ learning, it is important to specify the meanings, the purposes and the contexts of that use.” (Colley et al. 2003, Executive summary)
Das heißt: Um überhaupt sinnvoll
über in/formelles Lernen sprechen zu können, müssen die Bedeutung, das Ziel und
die Umstände der jeweiligen Lernform angegeben werden. Wie das Studium der
Literatur zeigt, wird dies jedoch nur selten realisiert. CHM ziehen daraus den
Schluss, dass die Grenzziehung zwischen den Begriffen des formalen,
nichtformalen und informellen Lernens nicht der aussichtsreichste Weg ist, um
hier vorwärts zu kommen. Vielmehr geht es darum, die Art und Weise, wie und in
welchem Zusammenhang gelernt wird, möglichst präzise zu beschreiben. Dazu
kommt, dass häufig zwischen nichtformalem und informellem Lernen gar nicht
unterschieden wird.
In dieser verworrenen Situation liegt der Schluss nahe: Da es nicht möglich ist, eine klare und allgemein verbindliche definitorische Abgrenzung der Lernformen zu finden, muss ein neuer Ansatz gesucht werden. CHM verlegen daher ihr Interesse von der begrifflichen Abgrenzung hin erstens zur Beschreibung informellen Lernens mittels geeigneter Kriterien und zweitens zu dessen Darstellung in unterschiedlichen Kontexten. Die Kriterien ordnen sie einer theoretischen und einer politischen Dimension zu.
Auf der theoretischen
Ebene werden verschiedene Konzepte entwickelt, unterschiedliche Meinungen über
die Effektivität des informellen Lernens geäußert und Ansichten über den Zusammenhang
von Lernen und Wissen formuliert. Auf der politischen
Ebene werden Ansätze des Empowerments von Bildungsbenachteiligten vorgetragen
oder es wird versucht, informelles Lernen für bestimmte Zwecke zu
instrumentalisieren, beispielsweise für soziale Integration oder für den
wirtschaftlichen Wettbewerb.
Colley et al. (2003, S.
64) argumentieren, dass jedes Lernen sowohl formale wie informelle Merkmale
aufweist. Ein Vorteil dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass formales
Lernen ebenso wie informelles Lernen durch partizipatorische soziokulturelle
Theorien beschrieben werden kann. Zudem wird dadurch die Tendenz reduziert,
entweder formales oder informelles Lernen als jeweils weniger wert anzusehen.
Und schließlich eröffnet diese Betrachtungsweise weitere Fragen über die Art
des Lernens in sehr unterschiedlichen Lernsituationen.
Es geht also in der Beschreibung einer Lernsituation stets darum, die jeweiligen formalen bzw. informellen Merkmale zu identifizieren. Was die Unterscheidung zwischen nichtformalem und informellem Lernen betrifft, so stellen CHM fest, dass sie in der aktuellen praktischen Verwendung dieser Begriffe keine besonderen Unterschiede ausmachen konnten. Sie verzichten daher auf den Begriff des nichtformalen Lernens.
Um die Position von CHM zusammenzufassen:
Die Typologie des Lernens hängt jeweils ab
· vom Kontext, in dem sie entwickelt wurde;
· von der Absicht, die hinter der Typologie steht;
· von den theoretischen und politischen Ansichten und Werthaltungen der AutorInnen.
Die Interpretation
von Colley et al. (2003) erscheint als die differenzierteste. Ihre Charakterisierung ist auf den
weitesten Horizont angelegt, da sie die verschiedenartigsten Milieus im Blick
hat, die theoretische und politische Ebene umfasst und jedes Lernen als sowohl
von formalen wie informellen Elementen durchdrungen denkt. Sie benötigt auch
nicht den – nur zur Verwirrung führenden – Begriff des nichtformalen Lernens.
Somit scheint diese Konzeption der kontextabhängigen Realität am ehesten
angemessen. Zudem sie bietet zahlreiche Ansätze für weitere Untersuchungen.
Für theoretische
Analysen kommt man also mit dem Begriffspaar formal-informell aus,
vorausgesetzt, beide Begriffe werden detailliert durch spezifische Merkmale
beschrieben.
In der Praxis ist
jedoch zu berücksichtigen,
·
dass in
manchen Ländern (z.B. in den USA) die zum formalen Sektor alternative
Bildungsform nichtformale Bildung
bzw. nichtformales Lernen genannt
wird, und
·
dass –
insbesondere in der arbeitsmarkt- und berufspädagogischen Richtung (z.B. auf
EU-Ebene) die drei Begriffe formal –
nichtformal – informell zur Abgrenzung verwendet werden.
Colley,
Helen / Hodkinson, Phil / Malcolm, Janice:
Informality and formality in learning: a report
for the Learning and Skills Research Centre; 2003 (93 S)
Dohmen, Günther / BMBF (Hg.):
Das informelle Lernen; BMBF, Bonn 2001 (204 S)
http://www.bmbf.de/pub/das_informelle_lernen.pdf
Fuller,
Alison et al.:
The
Impact of Informal Learning at Work on Business Productivity; Final Report,
10/2003 (94 S)
http://www.dti.gov.uk/files/file11719.pdf
Hungerland,
Beatrice / Overwien, Bernd:
Kompetenzerwerb außerhalb etablierter Lernstrukturen (S. 11-19); in: Hungerland, Beatrice / Overwien, Bernd (Hg.): Kompetenzentwicklung im Wandel. Auf dem Weg zu einer informellen Lernkultur? Wiesbaden 2004
http://www.tu-berlin.de/fak1/gsw/fadida_sozk/fadida_sozk_downloads/einleitung.pdf
http://www.tu-berlin.de/fak1/gsw/fadida_sozk/fadida_sozk_downloads/inhalt.pdf
Kirchhof, Steffen / Kreimeyer, Julia:
Informelles Lernen im sozialen Umfeld – Lernende im Spannungsfeld zwischen individueller Kompetenzentwicklung und gesellschaftlicher Vereinnahmung; in: Wittwer, Wolfgang / Kirchhof, Steffen (Hg.): Informelles Lernen und Weiterbildung. Neue Wege zur Kompetenzentwicklung (S. 213-240); Luchterhand, Neuwied 2003
Laur-Ernst, Ute:
Informelles und formalisiertes Lernen in der Wissensgesellschaft (S. 47-62); 2002
http://www.bibb.de/dokumente/pdf/pr_pr-material_2002_fachkongress_forum3.pdf
Adult’s
Informal Learning: Definitions, Findings, Gaps and Future Research (2001)
http://www.oise.utoronto.ca/depts/sese/csew/nall/res/21adultsifnormallearning.htm
NALL
(New Approaches to
Lifelong Learning):
Homepage des kanadischen Forschungsnetzwerks
http://www.oise.utoronto.ca/depts/sese/csew/nall/index.htm
Overwien, Bernd:
Internationale Sichtweisen auf „informelles Lernen“ am Übergang zum 21. Jahrhundert; in: Otto, Hansuwe / Coelen, Thomas (Hg.) Grundbegriffe der Ganztagsbildung. Zur Integration von formeller und informeller Bildung. Wiesbaden 2004, S. 51-73
http://www.tu-berlin.de/fak1/gsw/fadida_sozk/fadida_sozk_downloads/bielefeldil.pdf
Reischmann, Jost:
Vom “Lernen en passant” zum “kompositionellen Lernen”; GdWZ 2 (2004) 92-95
Roellecke, Gerd:
Zwischen Autodiebstählen und Homer: Dem informellen Lernen fehlt ein Bildungskanon; vhs info 2/2002, S. 6
http://www.vhs-bw.de/fortbildung/vhs-info/vhs-info_2_2002.pdf