In Österreich spielte die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen bis vor einigen Jahren nur eine untergeordnete Rolle:
“To conclude,
Als Gründe für das geringe Interesse werden unter anderem gesehen (Junge, S. 1):
· Das BMBWK hat zu wenig Personal, um sich mit diesen Fragen zu befassen.
· Das bis in die 90er Jahre gut funktionierende duale System mit stark formalisierten Bildungsrouten garantierte die Ausbildung der Jugendlichen und die Reproduktion von Wissen und Kompetenzen in ausreichendem Umfang.
· Die Sozialpartner und die Körperschaften der Wirtschaft bestimmen die Ausbildungsstandards im dualen System mit und sind daher nur mäßig an Verfahren zur Anerkennung nicht formal erworbener Kompetenzen interessiert, da sie eine Abnahme ihres Einflusses befürchten.
· Die österreichische Bildungs- und Wirtschaftskultur ist stark auf die berufliche Erstausbildung ausgerichtet und orientiert sich an Berufsprofilen, die definierte Qualifikationen vorschreiben. Es basiert somit auf der Anerkennung von formal erworbenen Abschlüssen als Nachweis von Fähigkeiten und Kompetenzen.
Während es also in
anderen Ländern wie in der Schweiz oder den Niederlanden seit Mitte der 90er
Jahre nationale Bildungsinitiativen und Aktionspläne gibt, in Frankreich
bereits 1985 Zentren zur Feststellung der Kompetenzbilanz eingerichtet wurden
und auch in den USA, Großbritannien und Skandinavien die gesetzliche
Gleichstellung informell erworbener Kompetenzen, in denen die
Anerkennung nichtformaler und informeller Kompetenzen eine wichtige Rolle
spielt, weit fortgeschritten ist, kommt die Diskussion in Österreich nur langsam in
Gang. So wurden auf ministerieller Ebene 2001 im Anschluss an das Memorandum der Europäischen Kommission zum
lebenslangen Lernen einige Koordinationsworkshops durchgeführt, unter
andern zu Maßnahmen gegen Ausgrenzung und zur Anerkennung von Kompetenzen (BMBWK).
Auf gesetzlicher Ebene wurden in den letzten Jahren einige Schienen gelegt, um zur Validierung nicht formal erworbener Kenntnisse zu kommen (Junge, S. 2-5; Wallner):
Das Berufsausbildungsgesetz bietet unter gewissen Bedingungen auch jenen, die nicht oder nur teilweise das duale Tandem von Berufsschule und betrieblicher Lehre durchlaufen haben, die Möglichkeit einer Lehrabschlussprüfung und der Anerkennung der Ausbildung.
Nach der Novelle der Gewerbeordnung 2002 kann die Berechtigung für bestimmte Gewerbe auch an Stelle von Zeugnissen durch die Beibringung eines „Individuellen Befähigungsnachweises“ erlangt werden. Weiters ist für die Zulassung zur Meisterprüfung lediglich ein Mindestalter von 18 Jahren erforderlich.
In der Zulassung zur Berufsreifeprüfung wird im Berufsleben erworbenes Praxiswissen dem Schulwissen gleichgestellt. Die Studienberechtigungsprüfung bietet einen eingeschränkten Zugang zur Universität, vorausgesetzt man ist mindestens 20 und kann vier Jahre berufliche Aus- und Weiterbildung nachweisen. Externistenprüfungen können auch an Berufsbildenden Schulen abgelegt werden, wodurch nicht formal erworbene Qualifikationen durch einen formalen Abschluss anerkannt werden.
Weiters gibt es insbesondere im technischen Verfahrens- und Produktbereich Personalzertifizierungen nach der Europäischen Norm 45013, wodurch Personen bestimmte Kompetenzen bescheinigt werden können, sowie marktmäßige Zertifizierungen wie den europäischen Computer-Führerschein (ECDL) oder Sprachenzertifikate.
In der Wirtschaft sind bisher noch kaum Methoden der Identifizierung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Verwendung (Junge, S. 1). Die Betriebe befassen sich nur marginal mit der Methodologie des informellen Lernens, wohl aber ist verstärktes Interesse auf der Ebene der Kompetenzentwicklung der MitarbeiterInnen sowie an Lernarrangements, die informelles Lernen ermöglichen (Job Rotation, eLearning, …), bemerkbar.
In österreichischen Universitäten hat sich informelles Lernen als
nennenswerter Schwerpunkt noch nicht durchgesetzt. Abgesehen von der
Donau-Universität Krems gibt es kaum umfangreichere Forschungstätigkeit zum
informellen Lernen.
In außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie dem Institut für
Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) und
dem Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) stößt informelles Lernen hingegen zunehmend auf
Interesse, vor allem im Zusammenhang mit vergleichenden Studien des
Bildungswesens und in Hinblick auf die Anerkennung erworbener Kenntnissen (Schlögl;
Schlögl / Sturm; Schneeberger / Petanovitsch).
NARIC Austria:
http://www.bmbwk.gv.at/universitaeten/naric/index.xml
“Das österreichische
NARIC (National Academic Recognition Information Centre) ist die offizielle
Anlauf- und Kontaktstelle für alle grenzüberschreitenden Anerkennungsfragen im
Hochschulbereich.“
KOMPAZ:
Das von der VHS Linz koordinierte EU-Projekt „From Competence to Qualification“ (2001-2003) zur Feststellung, Anerkennung und Zertifizierung sozialer und kommunikativer Kompetenzen war die Vorarbeit zur Gründung des Kompetenzanerkennungs-Zentrums KOMPAZ im Jahre 2004 (http://www.kompetenzprofil.at). Hier können sich Personen in Phasen beruflicher und persönlicher Orientierung in betreuten Kleingruppen in vier Halbtagen ein Kompetenzprofil erarbeiten. Der Schwerpunkt des an das Schweizerische Qualifikationsprogramm zur Berufslaufbahn (CH-Q) angelehnten Verfahrens liegt auf der Selbstbewertung, wobei optional an einem weiteren Tag im Assessment-Center die soziale und kommunikative Kompetenz getestet werden kann.
Zukunftszentrum:
Das Zukunftszentrum in Innsbruck (http://www.zukunftszentrum.at/), eine Einrichtung der Stadt Innsbruck, des Landes Tirol und der Arbeiterkammer Tirol, führt inzwischen sechsstufige und häufig nachgefragte „Kompetenzbilanzen“ durch.
>>> Die Frage ist, ob diese Aktivitäten, investierten Ressourcen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Zukunft genügen. Es gibt Anzeichen, dass dieses System nur mehr zum Teil fähig ist, den zunehmenden Bedarf an neuem Wissen und neuen Kompetenzen einzulösen. Die Brisanz zeigt sich am Beispiel der Jugendlichen, von denen ein beträchtlicher Teil die Ausbildung nicht abschließt, die aber im Berufsleben gewisse Qualifikationen erwerben. In Wien betrifft dies 26% der 20- bis 24-Jährigen, bei dieser Altersgruppe ohne österreichische Staatsbürgerschaft nahezu die Hälfte. (Schneeberger / Petanovitsch, S. 4)
Kompetenz-Portfolio für Ehrenamtliche:
Von 1998-2000 koordinierte der Ring Österreichischer Bildungswerke das Sokrates-Projekt „Informelles Lernen im Ehrenamt“, aus dem das „Kompetenz-Portfolio für Ehrenamtliche“ entstand (Kellner). Von 2003-2005 wurde das ESF-Projekt „Kompetenzerwerb im Freiwilligen Engagement“ durchgeführt mit dem Ziel, die MitarbeiterInnen der Ring-Verbände zu ExpertInnen („PortfoliobegleiterInnen“) für Kompetenzentwicklung und informelles Lernen auszubilden. Fortgesetzt wurde die Arbeit im Leonardo-Projekt „Assessing Voluntary Experiences in a Professional Perspective“ (2004-2006). Ab Herbst 2006 werden als weitere Projekte ein netzbasiertes Selbstbewertungs-Portfolio für Freiwillige sowie ein ePortfolio für Studierende der Universität Graz entwickelt.
Leonardo-Projekte
mit österreichischer Beteiligung:
·
EBIFF – Europäischer Bildungspass
Frühförderung und Familienbegleitung für Kinder mit Behinderung
(http://www.eqm-pd.com/ebiff/ger/projekt.php)
·
MISLEM –
Developing Meta-Level Quality Indicators for Establishing a
Systematic Linkage between Educational Institutions and the Labour Market (10/2005-9/2007)
(http://www.bfi-stmk.at/bfi_web/www/de/euprojekte/detail.php?ID=49)
·
Lifelong
Competences – informal learning in social fields (siehe oben) http://www.behindert.or.at/mosaik/deutsch/projekte.htm)
·
VQTS – Vocational Qualification
Transfer System (siehe oben) (http://www.vocationalqualification.net/vq/)
The
changing institutional and political role of non-formal learning: European
trends; 2001 (42 S)
Lebensbegleitendes Lernen: Maßnahmen gegen Ausgrenzung (Ergebnisprotokoll des Koordinationsworkshops); 2001 (45 S)
http://www.lebenslangeslernen.at/downloads/WS_Ausgrenzung_Protokoll.pdf
Anrechenbarkeit von Bildung / Zertifizierung (Ergebnisprotokoll des Koordinationsworkshops); 2001 (20 S)
http://www.lebenslangeslernen.at/downloads/WS_Zert_Protokoll.pdf
European
Inventory on Validation of non-formal and informal learning:
http://www.ecotec.com/europeaninventory/publications/inventory/chapters/euro_inv_austria.pdf
Informelles Lernen erkunden und bewerten: Internationale Trends und das Projekt Kompetenz-Portfolio für Ehrenamtliche; Tools 4/2002, S. 7-10
Informelles Lernen im freiwilligen Engagement: Der Weg zum Kompetenz-Portfolio für Freiwillige; Grundlagen der Weiterbildung 1/2004, S. 27-29
http://members.telering.at/bildungswerke/kompetenzentwicklung/Informelles_Lernen.pdf
Identifizierung,
Bewertung und Anerkennung von non-formal und informell erworbenen Kompetenzen
in Österreich; TiBi Nr. 10: „Nichtformale Bildung und Wissensgesellschaft“,
Oktober 2005 (6 S)
http://www.dipf.de/publikationen/tibi/tibi10_schloegl.pdf
Schlögl, Peter / Sturm, Michael:
Berücksichtigung
non-formal und informell erworbener Kompetenzen in Österreich; Grundlagen der
Weiterbildung (GdWZ) 2 (2005) 32-37
Schneeberger, Arthur / Petanovitsch, Alexander:
Anerkennung
von Berufserfahrung und Vorkenntnissen in der Aus- und Weiterbildung und im
Hochschulzugang: Analyse europäischer Ansätze zur Anrechnung und deren Relevanz
für Österreich; IBW-Schriftenreihe 129, Wien 2005a (120 S)
Anerkennung non-formalen und informellen Lernens in Aus- und Weiterbildung und in Hinblick auf die Hochschulzulassung; ibw-research brief 17 / November 2005b (4 S)
http://www.ibw.at/html/rb/pdf/rb_17_schneeberger.pdf
a. Latentes, passives, implizites, inzidentelles oder informelles Lernen
http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/LERNEN/LatentesLernen.shtml
Aspekte der Zertifizierung erworbener beruflicher Qualifikationen; ibw-Reihe Bildung & Wirtschaft Nr. 22, Wien 11/2002 (102 S)
http://www.ibw.at/ibw_mitteilungen/fb/wal_078_03_bw.pdf
Aspekte der Zertifizierung beruflicher Qualifikationen; ibw-research brief 01 / Mai 2003, S. 1-4