Theoretische Aspekte des informellen Lernens

 

Wie lässt sich informelles Lernen charakterisieren? Hinter dieser Frage steckt das allgemeine Problem, wie ein Begriff zu seiner Bedeutung kommt.

 

A. Der erste Weg des Umgangs mit Begriffen liegt in der Analyse ihrer Herkunft. ‚Form’ kommt vom lat. Lehnwort forma und dieses von ferre „weil die Gestalt das mit sich, an sich getragene ist“ (Grimm / Grimm). Formal bedeutet dem gemäß: die Form betreffend. Die Vorsilben nicht- und in- machen daraus das Gegenteil. In diesem Sinn bedeutet nichtformal/informell: nicht die Form betreffend, nicht durch die Form bestimmt.

Informelles Lernen ist somit eine Lernweise, die in Hinblick auf formale Aspekte nicht festgelegt ist. Dabei wird über andere Hauptkategorien wie Inhalt und Funktion des Lernens oder über Parameter wie Kontrolle oder Sozialstruktur nichts ausgesagt. Sie können festgelegt sein oder nicht.

Diese Überlegungen führen zur Hypothese:

 

Formales Lernen ist eine Lernweise, deren formale Aspekte konkretisiert und festgelegt sind. Beim informellen Lernen ist dies nicht der Fall.

 

Zwischen nichtformalem und informellem Lernen wird hier nicht unterschieden. Der Begriff des nichtformalen Lernens ist in dieser Sichtweise überflüssig.

(Natürlich hat auch das jeweils praktizierte informelle Lernen eine bestimmte Form. Diese ist jedoch nicht von vornherein festgelegt, sondern konkretisiert sich durch die aktuelle Lernpraxis.)

 

 

B. Ein zweiter Weg zur Begriffsbestimmung liegt in Wittgensteins Gebrauchstheorie: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. In Anwendung auf den Begriff des informellen Lernens: Man stellt einen Überblick zusammen, wie jene den Begriff des informellen Lernens verstehen, die ihn heutzutage gebrauchen. Damit erhält man eine Reihe von Merkmalen bzw. Bedeutungsinhalten, die in der Verwendung durch ForscherInnen und PraktikerInnen möglichst weitgehend übereinstimmen sollten. (Abweichungen in bestimmten Punkten wird es immer geben.)

 

Diese Vorgangsweise wird dann problematisch, wenn

1.      zum Begriff des informellen/nichtformalen Lernens stark abweichende und zum Teil gegensätzliche Vorstellungen existieren;

2.      nicht begründet wird, warum die Abgrenzung zwischen formal – nichtformal –informell gerade so und nicht anders getroffen wird.

 

In dieser Situation befinden wir uns heute. Da es jedoch nicht sehr wahrscheinlich ist, dass sich die ProponentInnen des Informellen auf einer internationalen Konferenz auf die Begriffe und Konzepte des informellen Lernens einigen, wird die Zeit diese Rolle übernehmen müssen. Mit dem Fortgang der Jahre werden die unterschiedlichen Konzepte vereinheitlicht und begründet werden.

 

Es ist offensichtlich, dass die in der Praxis verwendeten Definitionen für eine genauere theoretische Analyse nicht ausreichen. Nehmen wir als Beispiel die drei oben erwähnten Definitionen des formalen, nichtformalen und informellen Lernens durch die Europäische Union: Sie basieren auf den Formulierungen „üblicherweise“, „kann ... sein“, „in den meisten Fällen“. Damit sind sie, zumal sie auch nicht sehr ausführlich sind, für eine theoretische Grundlegung ungeeignet.

 

Wie gehen die ForscherInnen mit dem Begriff des formalen bzw. informellen Lernens um?

 

Zur Beschreibung des informellen Lernens muss es vom formalen Lernen abgegrenzt werden. Eraut (in Colley et al. 2003, S. 18) identifiziert als Merkmale des formalen Lernens:

·         ein vorgeschriebener Rahmen fürs Lernen

·         eine organisierte Lernveranstaltung oder ein Lernpaket

·         die Anwesenheit einer beauftragten Lehrperson oder eines/einer TrainerIn

·         die externe Spezifizierung der Lernergebnisse

·         die Verleihung einer Qualifikation oder von Credits.

 

In Abgrenzung zum formalen Lernen wählen Beckett und Hager (in Colley et al. 2003, S. 20) eine Kriterienliste, die sich von jener  Erauts beträchtlich unterscheidet:

 

Formal Learning

Informal Learning

Single capacity focus, e.g. cognition

Organic/holistic

Decontextualised

Contextualised

Passive spectator

Activity- and experience-based

An end in itself

Dependent on other activities

Stimulated by teachers/trainers

Activated by individual learners

Individualistic

Often collaborative/collegial

                                                             

Nach dieser Darstellung zeichnet sich das informelle Lernen dadurch aus, dass es holistisch ist, den Kontext berücksichtigt, auf Aktivität und Erfahrung setzt, von anderen Handlungen abhängt und von den individuellen Lernenden ausgeht.

 

Eine umfangreichere Kriterienliste wurde von Colley et al. (2002) nach Durchsicht einer großen Zahl in der Literatur vorliegender Arbeiten zusammengestellt. Insofern berücksichtigen sie die pragmatische Ebene der Verwendung der Begriffe. Als wesentlichen Punkt aber führen sie ein, dass reale Lernprozesse stets eine Mischung aus formalen und informellen Elementen enthalten. Sie sehen formales und informelles Lernen nicht als in sich geschlossene Lernzustände, die voneinander abgegrenzt und abgrenzbar sind. Dass sich jeder reale Lernprozess aus formalen und informellen Elementen zusammensetzt, macht es erforderlich, sehr genau hinzusehen, was denn nun formal und was informell ist.

Die Analyse zahlreicher Dokumente führte Colley et al. zu folgender Liste:

                                                                                

Possible ideal-types of formal and informal learning

 

Formal

Informal

Teacher as authority

No teacher involved

Educational premises

Non-educational premises

Teacher control

Learner control

Planned and structured

Organic and evolving

Summative assessment/accreditation

No assessment

Externally determined objectives/outcomes

Internally determined objectives

Interests of powerful and dominant groups

Interests of oppressed groups

Open to all groups, according to published criteria

Preserves inequality and sponsorship 

Propositional knowledge

Practical and process knowledge

High status

Low status

Education

Not education

Measured outcomes

Outcomes imprecise/unmeasurable

Learning predominantly individual

Learning predominantly communal

Learning to preserve status quo

Learning for resistance & empowerment

Pedagogy of transmission & control

Learner-centred, negotiated pedagogy

Learning mediated through agents of authority

Learning mediated through learner democracy

Fixed and limited time-frame

Open-ended engagement

Learning is the main explicit purpose

Learning is either of secondary significance or is implicit

Learning is applicable in a range of contexts

Learning is context-specific

 

 

Ein Jahr später fassen Colley et al. (2003, S. 28) diese Merkmale in einer etwas abgeänderten Liste von 20 Unterscheidungskriterien zur Abgrenzung des formalen und informellen Lernens zusammen:

 

01 Education or non-education

02 Location (e.g. educational or community premises)

03 Learner/teacher intentionality/activity (voluntarism)

04 Extent of planning or intentional structuring

05 Nature and extent of assessment and accreditation

06 The timeframes of learning

07 The extent to which learning is tacit or explicit

08 The extent to which learning is context-specific or generalisable/transferable, external determination or not

09 Whether learning is seen as embodied or just ‘head-stuff’

10 Part of a course or not

11  Whether outcomes are measured

12  Whether learning is collective/collaborative or individual

13  The status of the knowledge and learning

14  The nature of knowledge

15  Teacher-learner relations

16  Pedagogical approaches

17  The mediation of learning – by whom and how

18  Purposes and interests to meet needs of dominant or marginalised groups

19  Location within wider power relations

20  The locus of control

 

Diese Kriterien gruppieren sie in vier Felder, die den Lernprozess beschreiben (S. 31-32):

 

Prozess: inzidentell im Alltag oder von einer Lehrperson strukturierter Kurs; pädagogisch-didaktische Aspekte; Lernunterstützung durch LehrerIn, MentorIn, FreundIn oder ArbeitskollegIn; Assessment

Ort und Setting: Bildungseinrichtung – Arbeitsplatz – lokale Gemeinschaft – Familie; befristetes oder zeitlich offenes Lernen; Verknüpfung von Lernsetting und Praxis

Absichten und Ziele: Lernen als primäres Ziel der Aktivitäten oder als Nebeneffekt; Intentionen hinter dem Lernen; von außen determinierte oder selbst gewählte Intentionen

Inhalt: Themen und Ergebnis des Lernprozesses; formal (nicht) festgelegtes Ergebnis; Aneignung etablierten Wissens oder Produktion neuen Wissens über Erfahrungen; politisch relevante Inhalte.

 

Was lässt sich damit anfangen? Der Lernprozess ist durch vier Felder spezifiziert, und mit der Kriterienliste kann zwischen formalen und informellen Lernelementen unterschieden werden. Damit würde eigentlich alles Erforderliche vorliegen, um bei jedem aktuellen Lernprozess sagen zu können, was an ihm formal und was informell ist. Leider sind die meisten dieser Kriterien nicht besonders trennscharf. Sie fungieren eher als Aspekte, die für eine Unterscheidung des formalen und informellen Lernens relevant sind, formulieren aber nicht explizit den konkreten Gegensatz.

 

Das informelle Lernen lässt konkretisierende Aussagen über formale Aspekte offen. Es schreibt beispielsweise nicht fest, welchen externen Bedingungen das Lernen unterliegt. Diese können selbst in die Hand genommen werden und so ist es nicht verwunderlich, dass sich informelles Lernen weitgehend mit selbstorganisiertem bzw. selbstgesteuerten Lernen überschneidet. Auch offenes Lernen steht nicht in Widerspruch zum informellen Lernen, ebenfalls nicht partizipatives Lernen, da die Form der Sozialbeziehungen frei gewählt werden kann.

 

Reale Lernprozesse enthalten sowohl formale als auch informelle Aspekte. Genau genommen dürfte man daher gar nicht von formalem bzw. informellem Lernen sprechen, da es diese in reiner Form gar nicht gibt. Für den praktischen Gebrauch lässt sich allenfalls die konventionelle Regel formulieren:

 

Sind die Elemente des Lernens auf formaler Ebene mehrheitlich festgelegt, kann das Lernen als formal bezeichnet werden; sind diese Elemente mehrheitlich unbestimmt, liegt informelles Lernen vor.

 

(Zwei Unsicherheiten bleiben: a. Hat man alle Elemente des Lernens erfasst? b. Wie sind diese Elemente zu gewichten?)

 

Es ist nicht zu übersehen, dass die Konzeptionen des informellen Lernens auch heute noch auf unsicheren theoretischen Beinen stehen. Die Begriffe sind zu ungenau, ihre Interpretation divergiert und ihre Anwendung hängt zu einem gewissen Grad von der jeweiligen Person und dem Kulturkreis ab. Dazu mangelt es an Untersuchungen in den unterschiedlichen Lernfeldern.

 

Einer der Gründe für die Schwierigkeit der theoretischen Konzeption des informellen Lernens scheint darin zu liegen, dass in den Begriff der (Lern-)Form allerlei hineingepackt wird, was im engeren Sinn mit der Form gar nichts zu tun hat. Als Folge davon lassen sich die Merkmale des formalen bzw. informellen Lernens nicht mehr eindeutig benennen und man kann sich mit einer gewissen Willkür eine eigene Sammlung von Merkmalen zusammenstellen, womit die gegenwärtige Situation in der Literatur beschrieben ist. Eine handfeste Theorie würde zumindest eine Begründung der Auswahl erfordern.

 

 

Literatur

 

Colley, Helen / Hodkinson, Phil / Malcolm, Janice:

Non-formal learning: mapping the conceptual terrain. A Consultation Report; University of Leeds Lifelong Learning Institute, Leeds 2002

http://www.infed.org/archives/e-texts/colley_informal_learning.htm

 

Informality and formality in learning: a report for the Learning and Skills Research Centre; 2003 (93 S)

http://www.hrm.strath.ac.uk/teaching/postgrad/classes/full-time-41939/documents/formalandinformallearning.pdf

 

Grimm, Jakob / Grimm, Wilhelm:

Deutsches Wörterbuch (Begriff: Form)

http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/selectarticle?lemid=GF06965