Was konstituiert einen Raum? Im einfachsten Fall ist es eine
Einheit mit zumindest drei Dimensionen, die von der Umwelt durch eine Grenze
getrennt ist.
Ist der Raum ein Teil eines Gebäudes, so ist die Grenze – die Mauer – durchlässig:
Durch die Tür können Menschen aus- und eingehen, und durch die Fenster fällt
das Licht von draußen. Die Tür kann allerdings auch zugesperrt sein, und nur
ausgewählte Personen verfügen über einen Schlüssel. Das Innere des Raums wird
durch eine Infrastruktur versorgt (Strom, Heizung, Wasser) und das Inventar
(Möbel, Geräte) ist auf die Bedürfnisse jener abgestimmt, die sich im Raum
aufhalten.
Ist der Raum ein Lernraum, zeigt er
gewisse Besonderheiten. Zutritt haben nur jene Personen, die einen Kurs gebucht
haben oder in der Firma arbeiten, die den Lernraum eingerichtet hat. Auch im
Raum selbst gibt es Zonen, Objekte und Tätigkeiten, die nur bestimmten
Funktionsträgern zugänglich sind. (Nicht jeder darf den Projektor aus dem
Medienschrank holen.) Es herrschen – häufig nicht explizit formulierte –
Spielregeln, wer worüber die Kontrolle ausübt.
Im Lernraum gibt es Wissensträger,
Vermittlungs- und Lerninstrumente. Der Raum ist offen, indem er „Fenster zur
Welt“ aufweist: TV-Geräte und das Internet erweitern den Wahrnehmungsraum, wenn
auch nur in medial beschränkter Hinsicht.
Es ist nahe liegend, zuerst an den physischen Raum zu
denken, wenn von Lernräumen die Rede ist. Was ist aber mit den digitalen Räumen? Haben die Computer
nicht einen neuen Raum eröffnet? Sie haben vielleicht die Wahrnehmungsweise
verändert, sie haben den Wissensraum erweitert – aber man sitzt nach wie vor im
realen Raum vor dem Bildschirm. Dieser ist zwar dynamischer als ein Buch,
nähert sich aber wohl zukünftig mehr und mehr einer elektronischen Schreib- und
Lesefläche an. In dieser Hinsicht kann man nicht von einer neuen Art von Raum
sprechen, sondern eher von einem medial
erweiterten Raum, der der Einfachheit halber und etwas ungenau hier
digitaler Raum genannt wird.
Der virtuelle Raum
im engeren Sinn ist „immersiv“, man kann in ihn mit Hilfe von Datenhelm und
-handschuhen vollständig eintauchen. Hier besteht keine Distanz mehr zwischen
Mensch und Bildschirm, es gibt nur mehr den künstlichen Raum, in dem man
ähnliche Handlungen setzt wie in einem realen Raum.
(Die Frage ist, ob virtuelle Räume bezüglich ihrer Wahrnehmung tatsächlich eine
andere Qualität darstellen. Im Grunde genommen entstehen beide Welten im Kopf,
und dort existiert zwischen ihnen möglicherweise gar kein Unterschied. Aus
dieser Perspektive sind alle Räume virtuell (oder real): Zwar wird ein nur
unvollkommen der natürlichen Welt nachgebildeter virtueller Raum leicht als
solcher erkennbar sein; aber auch der so genannte reale oder natürliche Raum
ist eine interne Konstruktion.)
Im weiteren Sinn kann der Raum auch metaphorisch verstanden werden, beispielsweise als geistiger Raum oder als sozialer Raum. Beide spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Gestaltung von Lernräumen geht: Wie „weit“ ist der geistige Raum? (Hängt vielleicht die Decke niedrig?) Wie viele Dimensionen weist der Raum auf, welche Perspektiven lässt er zu, hat er einen Oberstock (Metaebene)? Welche Beziehungsstrukturen existieren im sozialen Raum? Usw.
Genau genommen lässt sich für jede Art der sinnlichen Wahrnehmung ein Raum konstatieren: der visuelle Raum, der akustische Raum, der haptische Raum. Man kann sich bei der Einrichtung eines Lernraums auch überlegen, wie der affektive/emotionale Raum aussieht und wodurch er beeinflusst wird. In der Praxis werden die sinnlichen und affektiven Räume häufig vernachlässigt.
Ein weiterer Raum stellt das Gegenstück zum wirklichen Raum dar und er ist „in Wirklichkeit“ ungleich größer: der Möglichkeitsraum. Er ist mit dem Raum der Phantasie liiert, und er besteht nicht nur aus den zahllosen Varianten zu jedem existierenden Ding, sondern umfasst auch „alle noch nicht erwachten Absichten Gottes“, wie es bei Musil heißt.
Ein spezifischer Raum spielt beim Fernlernen eine Rolle. Er ist im Vergleich zum Präsenzlernen geographisch ausgedehnter, indem sich sowohl die zentrale Einrichtung als auch die TutorInnen und die anderen Lernenden an entfernten Orten befinden. Er weist aber auch eine Dimension auf, die Moore die transaktionale Distanz nennt, ein theoretisches Gerüst zur Beschreibung der Verhältnisse beim Fernlernen (Moore; Peters). Diese ist im Gegensatz zur räumlichen Distanz eine kommunikative bzw. psychische Distanz, und sie kann positiv oder negativ sein, je nach Lernverhältnissen und Personen.
Moore, Michael
G.:
Theory of transactional distance, S. 22-38;
in: D. Keegan (ed.): Theoretical principles of distance education; Routledge,
Peters, Otto:
Didaktik des Fernstudiums (S. 48-52); Luchterhand, Neuwied 1997