Anleitung für Lernumgebungskatastrophen

 

Sie haben für eine kleinere oder größere Gruppe eine offene Lernumgebung eingerichtet. Die folgenden Ratschläge garantieren Ihnen, dass sich die Dinge anders entwickeln, als sie für selbstgesteuertes Lernen in offenen Lernumgebungen wünschenswert erscheinen:

 

Planen Sie den Ablauf bis ins Detail!

Viele Menschen tun sich leichter, wenn sie einen bestimmten Ablauf "linear" abarbeiten können.

... Das stimmt natürlich, ist aber nicht der Sinn einer Lernumgebung (sondern wäre ein "Kurs"). Die Lernumgebung ist ein Raum mit einer Vielzahl von möglichen Lernwegen, wobei es durchaus sinnvoll und nützlich ist, einige "Lernpfade" bis ins Detail auszuarbeiten. Doch sind diese Lernpfade optional, frei wählbar.

 

Bereiten Sie nur Inhalte vor, die Sie selbst für wichtig halten!

Auf Grund Ihrer beträchtlichen Erfahrung sind Sie überzeugt davon, dass es wirklich die wichtigen Dinge sind. Aber: Sehen andere Fachleute dies ebenso? Gilt dies auch für andere Blickwinkel?

… Eine Lernumgebung soll Möglichkeiten eröffnen, wobei vorher nicht feststeht, was die Teilnehmenden für wichtig halten.

 

Nehmen Sie die Vorbereitung auf die leichte Schulter!

Eine offene Lernumgebung darf schließlich nicht durchgeplant sein - das wäre ja ein Widerspruch in sich!

… Hier tritt das Offenheits-Paradoxon auf: „Je mehr Freiheiten und Möglichkeiten eine Lernumgebung bieten soll, desto sorgfältiger muss sie geplant und ausgeführt sein.“ (Sonst bleibt den Teilnehmenden höchstens die große Freiheit, nicht zu wissen, was sie machen und wie sie vorgehen können.)

 

Machen Sie möglichst alles selbst!

So erfüllen Sie perfekt das Kriterium der Selbststeuerung, aber viele der Teilnehmenden werden sich bequem zurücklehnen und zuschauen.

… Alles selbst vorbereiten bedeutet, dass andere keine Ideen beisteuern können; dass es keinen Blick von aussen gibt. Es fehlen also zusätzliche Anregungen, Kommentare und  kritische Blicke.

Alles selbst durchführen heisst, dass die Teilnehmenden nicht die Möglichkeit erhalten, durch eigenes Handeln zu lernen. Auch wenn Ihr eigener Auftritt als Zampano sicher Bewunderung hervorruft: Der Sinn einer Lernumgebung besteht darin, dass die Teilnehmenden die Steuerung des Lernprozesses selbst in die Hand nehmen oder dies üben.

 

Sagen Sie den Teilnehmenden stets, was sie tun sollen!

Einige werden froh darüber sein, andere werden Widerstand leisten.

… Erzählen Sie den Teilnehmenden besser, was sie tun können ... insbesondere dann, wenn Sie gefragt werden.

 

Lassen Sie nur das zu, was Sie selbst für richtig halten!

Einige werden froh darüber sein, die anderen werden Widerstand leisten.

… In einer Lernumgebung müssen auch Dinge Platz haben, welche die Teilnehmenden für richtig halten, auch wenn Sie anderer Meinung sind. Wenn es sich um Fachwissen, z.B. um  juristische Gesetze oder mathematische Gleichungen handelt, mögen Sie ja Recht haben. In vielen Fällen aber geht es um die Lösung qualitativer, komplexer Probleme, wobei die Lösungen nicht richtig oder falsch sind, sondern mehr oder weniger gut gelungen.

 

Beschäftigen Sie sich ausführlich mit einzelnen Teilnehmenden!

Intensive Betreuung kann schließlich nur gut sein, oder?

… Gegen teilnehmende Zuwendung ist im Prinzip nichts einzuwenden. Kommen aber dann die anderen nicht zu kurz? Sie haben in gleicher Weise das Recht auf tutorielle Unterstützung, und nur dann, wenn sich die meisten in Gruppen selbst beschäftigen, bleibt mehr Zeit für Einzelne übrig. Auch auf die Art der Unterstützung kommt es an: Sie kann  tendenziell den Weg zur Selbststeuerung auch erschweren!

 

Füllen Sie Ihre Leitungsfunktion aktiv aus!

Eine animierende und motivierende Leitung ist die beste Garantie, dass etwas gelernt wird.

... Die Frage ist nur: Welche Art von Leitung? Eine aktive oder eine passive? Nachdem eine Lernumgebung von ihrer Art her ein durch Rahmenbedingungen begrenzter Möglichkeitsraum ist, scheint eine passive Leitung eher angemessen zu sein. Sie steuert indirekt, indem sie Grenzen setzt, d.h. sie definiert, was nicht geht. Eine aktive Leitung kommt auch bald mit dem Prinzip der Selbststeuerung in Widerspruch.

 

Achten Sie auf Disziplin!

Sonst klopft bald das Chaos an die Tür, wenn sich die Gruppe selbst überlassen bleibt!

... Auf welche Disziplin achten Sie? Auf Ihre eigene oder auf die der Teilnehmenden? Disziplin im Umgang mit den Materialien und Medien, oder beim Lernen und Arbeiten?

Ob die Teilnehmenden etwas lernen oder nicht, ist in erster Linie deren Sache. (Schließlich sind sie volljährig.) Sie selbst sind nur dafür zuständig, ihnen das  Lernen zu ermöglichen - falls die Leute dazu willens sind. Ausserdem kommen destruktive Aktionen größeren Stils in der Weiterbildung nur alle heiligen Zeiten vor.

Eiserne Disziplin, was die eigene Person betrifft, ist natürlich höchst löblich!

 

Verwenden Sie nur die neueste Technologie!

Alten Plunder kann man schließlich niemandem zumuten. Außerdem macht es mehr Eindruck, wenn Sie die neueste Maschine und weltraumgetestete Software vorweisen können.

… Die Teilnehmenden benötigen möglicherweise zwei Drittel der Zeit, bis sie mit den Apparaturen und Verfahren vertraut sind. Aber vor allem: Zuerst kommt das Ziel, dann die Mittel. Diese müssen dem Ziel dienen, und das kann unter Umständen auch die neueste Technologie sein.