Studienzirkel / Forschungszirkel

 

 

Der Studienzirkel

 

... ist ein Modell der schwedischen Erwachsenenbildung mit emanzipatorischer, demokratischer Intention. Die zentrale Idee besteht darin, dass eine Gruppe gleich gestellter Leute zusammenkommt, um sich auf der Basis eigener Erfahrungen in einer angstfreien Atmosphäre zu einem bestimmten Thema weiterzubilden ("learning by sharing"). Die vorherrschende Methode ist Konversation und Diskussion.

 

 

Geschichte

Das Modell des Studienzirkels wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Schweden entwickelt. Als Gründervater gilt Oscar Olsson, der 1902 als erster eine Veranstaltung unter diesem Namen durchführte ("The emancipation of the working class should be a task for the workers themselves.").

 

Olsson beschrieb die durchgeführten Studienzirkel mit folgenden Eigenschaften (Bjerkaker):

·         Die Menschen studierten in kleinen Gruppen, häufig zu Hause.

·         Es gab nur wenige Studienmaterialien.

·         Lehrer/innen wurden nicht als notwendige Voraussetzung des Studiums angesehen.

·         Die Teilnehmenden ergänzten ihr Studium durch externe Referate oder Treffen.

·         Die Teilnehmenden hatten keine theoretischen Qualifikationen, aber eine Menge praktischer Erfahrungen.

·         Sie lernten diskutieren, argumentieren, sich um andere kümmern, Niederlagen einstecken und Verantwortung übernehmen.

·         Sie erlebten ein Gefühl von Gemeinschaft und Identität.

·         Das von ihnen erworbene Wissen hatte einen unmittelbaren Bezug zu ihrem Leben.

·         Die Studien setzten beim jeweiligen kognitiven Niveau an und orientierten sich an den Bedürfnissen.

 

Heute ist der Studienzirkel in Schweden die vorherrschende Form der Erwachsenenbildung ("Folkbildning"), an der jährlich rund 1,5 Millionen Menschen teilnehmen. Die dabei auftretenden Varianten des Modells sind äußerst vielfältig: Zirkel ohne und mit LehrerIn; Zirkel die mit Referaten verknüpft sind; Zirkel, für die vorher ein Plan gemacht wird; Korrespondenz-Zirkel; e-Zirkel (über Internet oder Plattform).

 

In der Praxis kommen die Studienzirkel nicht immer dem Ideal Olssons nahe: Die Mitglieder äußern oft nicht ihre Meinungen; die Gruppenleitung ist zu dominant; die Studien haben nur wenig mit dem persönlichen Leben zu tun; die Zirkel werden von Organisationen und nicht von den Leuten selbst initiiert. Daher ist darauf zu achten, dass die zukünftigen Teilnehmenden vorher über den Ablauf informiert werden, dass die Zirkel-ModeratorInnen eingeschult werden und dass gute Materialien zur Hand sind.

 

 

Durchführung

Ein Studienzirkel besteht aus 5-9 Personen, die sich 5-20mal ein- oder zweimal die Woche treffen, um an einem gemeinsamen Thema oder Problem zu arbeiten. (In e-Zirkeln ist die Häufigkeit höher.) Alle Mitglieder sind gleichermaßen für den Zirkel und dessen Ergebnis verantwortlich. Die Gruppe wird im Allgemeinen von einer Person geleitet, wobei sich die Leitung auf die Organisation und Moderation der Gruppe beschränkt. Die Leitung übernimmt meist jemand aus der Gruppe, manchmal auch jemand von außen.

 

Für die Themen gibt es praktisch keine Grenzen: von Sprachen, sozialen Problemen oder Musik bis zu handwerklichen Tätigkeiten ist alles möglich. Der Zirkel findet dort statt, wo es die Gruppe für gut befindet. Manchmal werden ExpertInnen um Beiträge zu einem speziellen Thema gebeten. (Karlsson/ Karlsson 1988)

 

 

 

Der Forschungszirkel

 

… ist eine besondere Form des Studienzirkels. Hier steht weniger das Lernen von Inhalten oder die Diskussion von Ansichten im Mittelpunkt als vielmehr das aktive Erforschen eines aktuell gewordenen Zustands und das Entwickeln neuer Wege. Die Gruppe erforscht beispielsweise kommunale Aspekte, die Geschichte der Firma, in der die Beteiligten tätig sind, oder sie sucht nach Problemlösungen am Arbeitsplatz. (Karlsson/ Karlsson 1995)

 

 

Literatur

 

Bjerkaker, Sturla:

The Study Circle – a method for learning, a tool for democracy; 2003

http://www.face.stir.ac.uk/documents/Paper109Bjerkader.pdf 

 

Karlsson, Lars / Karlsson, Irmtraud:

Studienzirkel – Eine schwedische Initiative macht Schule; Gesellschafts- und sozialpolitische Texte, Band 8; Sozialwissenschaftliche Vereinigung, Wien 1988

 

Studien- und Forschungszirkel: Wissensproduktion für „Ohnmächtige“; Grundlagen der Weiterbildung (GdWZ) 6, 6 (1995) 334-336